Фридрих Дюрренматт - Justiz стр 17.

Шрифт
Фон

Warum nicht persönlich werden, als Nachfolger Jämmerlins werden Sie ja doch nach dem Kommandanten diese Zeilen als zweiter lesen — was Sie hiermit auch tun —, und es bereitet mir in diesem Augenblick einen Höllenspaß — wahrscheinlich im doppelten Sinne des Wortes —, Sie gleichsam vom Jenseits her zu grüßen. Ehrlich: Sie sind ein pedantisches Exemplar Ihrer Gattung, auch wenn Sie sich im Gegensatz zum seligen Jämmerlin fortschrittlich geben und in jede psychologische Tagung laufen. Sie lieben Belege. Eben haben Sie mich ordnungshalber in der Leichenhalle besichtigt, in Ihrem hellen Regenmantel, den Hut höflicherweise in der Hand und die Miene amtlich düster, der Selbstmord ist sauber durchgeführt, das müssen Sie zugeben, aber auch bei Kohler habe ich kunstgerechte Arbeit geleistet, es sieht sehr feierlich aus, wir beide so nebeneinander. Doch zurück nun aus Ihrer Gegenwart, die für mich in der Zukunft liegt, in meine für Sie vergangene Gegenwart. So überschneiden sich die Zeiten. Kapiert? Glaube nicht. Höchstens verärgert. Ich habe mich sorgfältig vorbereitet.

Erstens historisch, architektonisch, philosophisch: Fürs Innenleben. Wichtiges verlangt einen genauen Rahmen. Auch in geschichtlicher Hinsicht. So habe ich mich denn über die Kohlersche Villa genau informiert. Ich forschte sogar in der Zentralbibliothek nach. Das Gebäude stellte sich als die ehemalige Residenz Nikodemus Molchs heraus. Nikodemus Molch, Denker des anbrechenden zwanzigsten Jahrhunderts, mosesbärtiger Europäer Ungewissen Herkommens und Ungewisser Nationalität (nach den einen der legitime Sohn Alexanders des Dritten mit einer australischen Sängerin, nach den anderen eigentlich der wegen Unzucht mit Kindern vorbestrafte Sekundarlehrer Jakob Häger aus Burgdorf), betrieb eine von reichen Witwen und schöngeistigen Obersten finanzierte freie Akademie, korrespondierte mit dem alten Tolstoi, dem mittleren Rabindranath Tagore und dem jungen Klages, plante eine kosmische Erneuerungsbewegung, proklamierte eine vegetarische Weltregierung, deren Erlaß leider niemand befolgte (der Erste Weltkrieg, Hitler — obgleich Vegetarier —, der Zweite Weltkrieg, überhaupt das ganze nachfolgende Schlamassel wäre vermieden worden!), gab Zeitschriften heraus, teils okkultischen, teils edelpornographischen Inhalts, schrieb Mysterienspiele, trat später zum Buddhismus über, um noch später, schon steckbrieflich gesucht, in unzählige Bankrotte und Vaterschaftsklagen verwickelt, als Sekretär des Dalai-Lama zu enden, angeblich, denn einige unserer Mitbürger, Mitglieder einer Filmequipe, wollten ihn in den dreißiger Jahren in Schanghai in einem Barpianisten wiedererkannt haben.

Die Lage der Villa: Für einen aus unbemittelten, oder besser, aus gar keinen Verhältnissen stammenden Rechtsanwalt, der sich eben entschlossen hatte, den Salto mortale (Zitat Friedli) ins angenehmere Leben zu wagen, erwies sich der Weg von Lienhards Porsche zur Haustüre des Dr.h.c. Isaak Kohler animierend, er führte durch einen Park. Schon die Natur atmete Reichtum. Die Flora ließ sich nicht lumpen. Die Bäume durchwegs majestätisch, noch sommerlich. Auch der Föhn machte sich nicht bemerkbar, selbst hier müssen mit irgendwelchen Instanzen Abmachungen getroffen worden sein, reichen Leuten ist vieles möglich. (Für Ortsfremde: Unter Föhn wird in unserer Stadt eine Wetterlage verstanden, die Kopfweh, Selbstmord, Ehebrüche, Verkehrsunfälle und Gewaltakte fördert.) Man schritt über einen sorgfältig gerechten und gejäteten Kiesweg. Überhaupt war es nicht ein moderner Park. Mehr im alten Stil angelegt, soigniert. Kunstvoll zugeschnittene Hecken und Büsche. Bemooste Statuen. Nackte bärtige Götter mit jugendlichen Hintern und Waden. Stille Teiche. Ein gravitätisches Pfauenpaar. Dabei lag der Park mitten in der Stadt, allein ein Quadratmeter dieses Bodens mußte astronomische Summen erzielen. Er war von Trams umdonnert, von Autos umrollt, der Verkehr brandete an die ehrwürdigen schmiedeeisernen Gitter mit den vergoldeten Spitzen wie ein Ozean, tobte, klingelte und hupte, aber dennoch war es in Kohlers Park still. Wahrscheinlich war es den Schallwellen verboten hinüberzudringen. Nur einige Vögel waren zu vernehmen.

Das Haus selbst: In Wirklichkeit war es einmal entsetzlich gewesen, architektonisch ein Sündenpfuhl, der abendländische Denker hatte es selbst entworfen. Wie es dem Kantonsrat gelang, daraus etwas Wohnliches, Humanes zu machen, ist eines seiner Geheimnisse. Offenbar wurden Mengen von Kuppeln, Türmen, Erkern, Putten und Tierkreisbestien heruntergeschlagen (Nikodemus Molch betrieb auch Astrologie), bis sich aus dem Wust eine von wildem Wein, Efeu, Geißblatt und Rosen umrankte, zwar immer noch vergiebelte, aber um so gemütlichere Villa herausschälte, groß und geräumig, und so zeigte sie sich auch von innen, als ich sie nach einem letzten Blick auf den nur noch als roten Farbfleck sichtbaren Porsche betrat. Die Architekten hatten Tüchtiges geleistet, Wände herausgebrochen, Spannteppiche gelegt usw., alles war bequem und leicht. Antike Möbel, alles kostbare Stücke, an den Wänden berühmte Impressionisten, später alte Holländer (ein Dienstmädchen führte mich). Im Arbeitszimmer des Kantonsrats hatte ich zu warten. Der Raum war geräumig, von der Sonne vergoldet. Durch die geöffnete Flügeltür konnte man in den Park gelangen, die beiden Fenster, die Tür flankierend, reichten fast bis zum Fußboden. Kostbares Parkett, ein riesiger Schreibtisch, tiefe Ledersessel, an den Wänden keine Bilder, nur Bücher bis zur Decke, ausschließlich mathematische und naturwissenschaftliche Werke, eine beachtliche Bibliothek, zu welcher der Billardtisch in einem recht sonderbaren Gegensatz stand. Er befand sich in einer weiten Nische. Auf der grünen Fläche lagen noch drei Kugeln, an der Wand der Nische eine Sammlung von Billardstöcken. Viele alte Stücke mit Inschriften. Ein Billardstock von Honoré de Balzac, einer von Gottfried Keller, ein anderer vom General Dufour, einer von Bismarck, sogar einer, der angeblich Napoleon gehört haben soll. Ich schaute mich etwas verlegen um. Der alte Dr.h.c. war überall zu spüren, es war mir, als könnte er jeden Augenblick vom Park hereinkommen, als hörte ich sein Lachen, als streifte mich sein aufmerksamer Blick.

Die Vision: Da geschah etwas Merkwürdiges, eigentlich etwas Gespenstisches. Ich begriff den Kantonsrat mit einemmal. Unerwartet. Die Einsicht überfiel mich geradezu. Ich erriet plötzlich das Motiv seines Handelns. Ich witterte es aus den kostbaren Möbeln, aus den Büchern, aus dem Billardtisch. Ich erspähte es aus der Verbindung von strengster Logik und Spiel, die sich diesem Räume eingeprägt hatte. Ich war in seinen Bau gedrungen, und nun sah ich klar.

Ваша оценка очень важна

0
Шрифт
Фон

Помогите Вашим друзьям узнать о библиотеке

Похожие книги

Популярные книги автора