ders, ganz anders als das Lachen, das er fьr Eva hatte. Sie hatte zu ihm gehen wollen, sich in seine Arme werfen, hatte den ganzen Tag schon darauf gewartet, dass er kommen wьrde, der Vater, dass er sie auf seine Knie heben wьrde, hatte darauf gewartet, dass er sie kitzeln wьrde, bis sie kreischen mьsste vor Lachen, bis ihr Bauch hart wьrde und fast wehtдte, aber nur fast. Auf diese schmale Kippe zwischen Lust und Schmerz hatte sie gewartet.
Und dann war er da und er sah sie nicht. »Ein Junge«, sagte er. »Stellt euch vor, es ist ein Junge.« Eva war noch einen Schritt auf ihn zugegangen, hatte die Arme nach ihm ausgestreckt. Er hatte sie nicht bemerkt. »Und was fьr einer. Acht Pfund wiegt er.«
Die Oma hatte die Hдnde zusammengeschlagen, na so was, endlich ein Junge, war an den Kьchenschrank gegangen, hatte die obere Tьr aufgemacht, die Glastьr, an die Eva damals noch nicht drankam, die Oma hatte sich gereckt und eine Flasche herausgeholt. Der Rock war ihr hochgerutscht und Eva hatte den Wulst gesehen, diesen Strumpfwulst ьber Omas Knien. Sie rollte die Strьmpfe immer ьber den Knien zu einem Wulst, der dann mit einem Gummiband gehalten wurde. Ьber dem braunen Wollstrick waren Omas Beine sehr weiЯ, wie Hefeteig sah die Haut aus, wie der Teig, der in einer Schьssel unter einem sauberen weiЯen Kьchenhandtuch blasig aufgegangen war.
Sie hatten am Kьchentisch gesessen, der Vater hatte das kleine Glдschen ein paar Mal leer getrunken, die Oma hatte ihm nachgeschenkt, der Vater hatte mit rotem Gesicht gelacht, ja, ein Junge, und die Oma hatte gesagt: »Das war auch damals, bei deiner Geburt, eine Freude, das kannst du dir gar nicht vorstellen«, und hatte dem Vater die Hдnde getдtschelt.
Und Eva hatte dabeigestanden und die Tischdecke angestarrt, blauweiЯe Karos, Eva hatte angefangen, sie zu zдhlen, die Karos, bis zehn konnte sie zдhlen damals. Auf einem weiЯen Karo war ein grьner Fleck gewesen, Spinat vom Mittagessen. »Spinat ist gesund«, hatte Oma gesagt. Eva mochte keinen Spinat.
»Berthold soll er heiЯen.«
Eva war ganz leise hinьbergegangen in das Schlafzimmer, hatte sich m Omas Bett gelegt, die riesige, weiЯe Zudecke ьber sich gezogen, weiЯ mit eingesticktem Monogramm, EM, E, weil Oma Elfriede hieЯ, und M, weil sie, bevor sie den Opa heiratete, Mьller geheiЯen hatte.
Eva setzte automatisch einen FuЯ vor den anderen. Sie ging nicht gern spazieren. Nach einer halben Stunde fing der Vater auch noch an zu drдngeln: »Los, Kinder, ein bisschen schneller! Wir wollen Oma doch nicht warten lassen.«
Eva war schon wieder ganz verschwitzt und wischte sich mit einem Tempotaschentuch ьber das heiЯe Gesicht. Endlich waren sie da, an den alten Wohnblocks.
Oma und Opa wohnten im Hinterhaus, im ersten Stock. Eva mochte diese dьstere Wohnung nicht, hatte sie noch nie gemocht. Alles war mit Mцbeln voll gestellt, ьberall hingen Fotos an den Wдnden.
»Das ist deine Tante Adelheid. Die ist nach Amerika ausgewandert. Sie hat ihren Mann in Deutschland kennen gelernt, er war hier stationiert, ein guter Mann. Schau, drei Kinder hat sie.«
Und Eva schaute das Foto an, eine krдftige Frau unter einem bunten Weihnachtsbaum, der Mann und die Kinder standen neben ihr.
»Jeden Monat schreibt sie einen Brief«, sagte die Oma und wischte sich mit dem Schьrzenzipfel ьber die Augen. »Jeden Monat schreibt sie.«
»Ja, ja, Mutter«, sagte der Vater und legte ihr den Arm um die Schulter. »Ist schon gut, Mutter.«
»Ach Gott, die Gans«, rief die Oma und watschelte in die Kьche.
Gans bei der Hitze, dachte Eva. Sie stand am Vertiko und betrachtete
die Fotos ihres Vaters, die da in schmalen Goldrдhmchen aufgereiht waren: Vater am ersten Schultae, ein dicklicher Junge mit einem dunk-
len Pullover, eine Schultьte an sich gepresst. Vater bei der Erstkommunion, schwarzer Anzug, weiЯes Hemd, Kerze, sehr ernsthaft und feierlich. Vater beim Schulabgang, Vater bei der Bundeswehr, im Kreis seiner Kameraden. Er war auch immer dick gewesen.
»Evachen, komm in die Kьche, das Essen ist fertig.«
Das war Opa. Er legte seine Arme um sie und gab ihr einen feuchten Kuss. Eva strich ihm ьber das schьttere, weiЯe Haar.
»Opa, wie geht es dir denn?«
Er war alt, viel дlter als Oma.
»Es geht, Kind. Wenn man alt wird, ist alles anders. Da wird man bescheiden. Da muss man Gott danken, wenn man noch einigermaЯen gesund ist.«
Die Gans war groЯ und braun und das Fett troff nur so an ihr herab und bildete hell schwimmende Goldaugen auf der Sauce. Die Oma stand am Tisch, hielt einen Teller in der Hand und legte ein Stьck Gans darauf, ein Bein, dann zwei Knцdel, goss mit einem kleinen Schцpflцffel goldдugige Sauce darьber, fettдu-gige Sauce, und fьllte die noch verbliebenen Lьcken auf dem Teller mit Rotkraut.
»Danke, Mutter«, sagte der Vater, als sie den Teller vor ihn hinstellte. Er bekam immer zuerst.
»Danke«, sagte Opa.
»Danke«, sagte die Mutter. Oma strahlte.
Berthold hatte schon die Gabel in der Hand und fing sofort an zu essen, als Oma ihm seinen Teller gab.