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Die Schreibstube wird lebendig. Himmelstoß scheint sie alarmiert zu haben. An der Spitze der Kolonne trabt der dicke Feldwebel. Komisch, dass fast alle etatsmäßigen* Feldwebel dick sind.
Ihm folgt der rachedürstende Himmelstoß. Seine Stiefel glänzen in der Sonne.
Wir erheben uns. Der Spieß* schnauft:
»Wo ist Tjaden?«
Natürlich weiß es keiner. Himmelstoß glitzert uns böse an.
»Bestimmt wisst ihr es. Wollt es bloß nicht sagen. Raus mit der Sprache.«
Der Spieß sieht sich suchend um; Tjaden ist nirgendwo zu erblicken. Er versucht es andersherum. »In zehn Minuten soll Tjaden sich auf der Schreibstube melden.« Damit zieht er davon, Himmelstoß in seinem Kielwasser*.
»Ich habe das Gefühl, dass mir beim nächsten Schanzen eine Drahtrolle auf die Beine von Himmelstoß fallen wird«, vermutet Kropp.
»Wir werden an ihm noch viel Spaß haben«, lacht Müller. Das ist nun unser Ehrgeiz: einem Briefträger die Meinung stoßen.
Ich gehe in die Baracke und sage Tjaden Bescheid, damit er verschwindet. Dann wechseln wir unsern Platz und lagern uns wieder, um Karten zu spielen. Denn das können wir: Kartenspielen, fluchen und Krieg führen. Nicht viel für zwanzig Jahre zuviel für zwanzig Jahre.
Nach einer halben Stunde ist Himmelstoß erneut bei uns. Niemand beachtet ihn. Er fragt nach Tjaden. Wir zucken die Achseln.
»Ihr solltet ihn doch suchen«, beharrt er.
»Wieso ihr?« erkundigt sich Kropp.
»Na, ihr hier «
»Ich möchte Sie bitten, uns nicht zu duzen«, sagt Kropp wie ein Oberst*.
Himmelstoß fällt aus den Wolken*. »Wer duzt euch denn?«
»Sie!«
»Ich?«
»Ja.«
Es arbeitet in ihm. Er schielt Kropp misstrauisch an, weil er keine Ahnung hat, was der meint. Immerhin traut er sich in diesem Punkte nicht ganz und kommt uns entgegen. »Habt ihr ihn nicht gefunden?«
Kropp legt sich ins Gras und sagt: »Waren Sie schon mal hier draußen?«
»Das geht Sie gar nichts an«, bestimmt Himmelstoß. »Ich verlange Antwort.«
»Gemacht«, erwidert Kropp und erhebt sich. »Sehen Sie mal dorthin, wo die kleinen Wölkchen stehen. Das sind die Geschosse der Flaks. Da waren wir gestern. Fünf Tote, acht Verwundete. Dabei war es eigentlich ein Spaß. Wenn Sie nächstens mit rausgehen, werden die Mannschaften, bevor sie sterben, erst vor Sie hintreten, die Knochen zusammenreißen und zackig fragen: Bitte wegtreten zu dürfen! Bitte abkratzen zu dürfen! Auf Leute wie Sie haben wir hier gerade gewartet.«
Er setzt sich wieder, und Himmelstoß verschwindet wie ein Komet.
»Drei Tage Arrest«, vermutet Kat.
»Das nächstemal lege ich los«, sage ich zu Albert. Aber es ist Schluss. Dafür findet abends beim Appell eine Vernehmung statt. In der Schreibstube sitzt unser Leutnant Bertinck und lässt einen nach dem andern rufen.
Ich muss ebenfalls als Zeuge erscheinen und kläre auf, weshalb Tjaden rebelliert* hat. Die Bettnässergeschichte macht Eindruck. Himmelstoß wird herangeholt und ich wiederhole meine Aussagen.
»Stimmt das?« fragt Bertinck Himmelstoß.
Der windet sich und muss es schließlich zugeben, als Kropp die gleichen Angaben macht.
»Weshalb hat denn niemand das damals gemeldet?« fragt Bertinck.
Wir schweigen; er muss doch selbst wissen, was eine Beschwerde über solche Kleinigkeiten beim Kommiss für Zweck hat. Gibt es beim Kommiss überhaupt Beschwerden? Er sieht es wohl ein und kanzelt Himmelstoß zunächst ab, indem er ihm noch einmal energisch klarmacht, dass die Front kein Kasernenhof sei. Dann kommt in verstärktem Maße Tjaden an die Reihe, der eine ausgewachsene Predigt und drei Tage Mittelarrest erhält. Kropp diktiert er mit einem Augenzwinkern einen Tag Arrest.
»Geht nicht anders«, sagt er bedauernd zu ihm. Er ist ein vernünftiger Kerl.
Mittelarrest ist angenehm. Das Arrestlokal ist ein früherer Hühnerstall; da können beide Besuch empfangen, wir verstehen uns schon darauf, hinzukommen. Dicker Arrest wäre Keller gewesen. Früher wurden wir auch an einen Baum gebunden, doch das ist jetzt verboten. Manchmal werden wir schon wie Menschen behandelt.
Eine Stunde nachdem Tjaden und Kropp hinter ihren Drahtgittern sitzen, brechen wir zu ihnen auf. Tjaden begrüßt uns krähend.
Dann spielen wir bis in die Nacht Skat. Tjaden gewinnt natürlich, das dumme Luder*.
* * *Beim Aufbrechen fragt Kat mich: »Was meinst du zu Gänsebraten?«
»Nicht schlecht«, finde ich.
Wir klettern auf eine Munitionskolonne. Die Fahrt kostet zwei Zigaretten. Kat hat sich den Ort genau gemerkt. Der Stall gehört einem Regimentsstab. Ich beschließe, die Gans zu holen, und lasse mir Instruktionen geben. Der Stall ist hinter der Mauer, nur mit einem Pflock* verschlossen.
Kat hält mir die Hände hin, ich stemme den Fuß hinein und klettere über die Mauer. Kat steht unterdessen Schmiere*.
Einige Minuten bleibe ich stehen, um die Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Dann erkenne ich den Stall. Leise schleiche ich mich heran, taste den Pflock ab, ziehe ihn weg und öffne die Tür.
Ich unterscheide zwei weiße Flecke. Zwei Gänse, das ist faul: fasst man die eine, so schreit die andere. Also beide wenn ich schnell bin, klappt es.
Mit einem Satz springe ich zu. Eine erwische ich sofort, einen Moment später die zweite. Wie verrückt haue ich die Köpfe gegen die Wand, um sie zu betäuben. Aber ich muss wohl nicht genügend Wucht haben. Die Biester räuspern sich und schlagen mit Füßen und Flügeln um sich. Ich kämpfe erbittert, aber, Donnerwetter, was hat so eine Gans für Kraft! Sie zerren, dass ich hin und her taumele. Im Dunkel sind diese weißen Lappen scheußlich, meine Arme haben Flügel gekriegt, beinahe habe ich Angst, dass ich mich zum Himmel erhebe, als hätte ich ein paar Fesselballons in den Pfoten.
Da geht auch schon der Lärm los; einer der Hälse hat Luft geschnappt und schnarrt wie eine Weckuhr. Ehe ich mich versehe, tappt es draußen heran, ich bekomme einen Stoß, liege am Boden und höre wütendes Knurren. Ein Hund.
Ich blicke zur Seite; da schnappt er schon nach meinem Halse. Sofort liege ich still und ziehe vor allem das Kinn an den Kragen.
Es ist eine Dogge. Nach einer Ewigkeit nimmt sie den Kopf zurück und setzt sich neben mich. Doch wenn ich versuche, mich zu bewegen, knurrt sie. Ich überlege. Das einzige, was ich tun kann, ist, dass ich meinen kleinen Revolver zu fassen kriege. Fort muss ich hier auf jeden Fall, ehe Leute kommen. Zentimeterweise schiebe ich die Hand heran.
Ich habe das Gefühl, dass es Stunden dauert. Immer eine leise Bewegung und ein gefährliches Knurren; Stilliegen und erneuter Versuch. Als ich den Revolver in der Hand habe, fängt sie an zu zittern. Ich drücke sie auf den Boden und mache mir klar: Revolver hochreißen, schießen, ehe er zufassen kann, und türmen.
Langsam hole ich Atem und werde ruhiger. Dann halte ich die Luft an, zucke den Revolver hoch, es knallt, die Dogge spritzt jaulend zur Seite, ich gewinne die Tür des Stalles und purzele über eine der geflüchteten Gänse.
Im Galopp greife ich schnell noch zu, schmeiße sie mit einem Schwung über die Mauer und klettere selbst hoch. Ich bin noch nicht hinüber, da ist die Dogge auch schon wieder munter und springt nach mir. Rasch lasse ich mich fallen. Zehn Schritt vor mir steht Kat, die Gans im Arm. Sowie er mich sieht, laufen wir.
Endlich können wir verschnaufen. Die Gans ist tot, Kat hat das in einem Moment erledigt. Wir wollen sie gleich braten, damit keiner etwas merkt. Ich hole Töpfe und Holz aus der Baracke, und wir kriechen in einen kleinen verlassenen Schuppen*, den wir für solche Zwecke kennen. Die einzige Fensterluke wird dicht verhängt. Eine Art Herd ist vorhanden, auf Backsteinen liegt eine eiserne Platte. Wir zünden ein Feuer an.