Манн Томас - Немецкий язык с Томасом Манном. Тонио Крёгер стр 11.

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3 «Ach, lassen Sie mich mit meinen Gewändern in Ruh, Lisaweta Iwanowna! Wünschten Sie, dass ich in einer zerrissenen Sammetjacke oder einer rotseidenen Weste umherliefe? Man ist als Künstler innerlich immer Abenteurer genug. Äußerlich soll man sich gut anziehen, zum Teufel, und sich benehmen wie ein anständiger Mensch ... Nein, geladen bin ich nicht», sagte er und sah zu, wie sie auf der Palette eine Mischung bereitete. «Sie hören ja, dass es nur ein Problem und Gegensatz ist, was mir im Sinne liegt und mich bei der Arbeit störte ... Ja, wovon sprachen wir eben? Von Adalbert, dem Novellisten, und was für ein stolzer und fester Mann er ist. 'Der Frühling ist die gräßlichste Jahreszeit', sagte er und ging ins Cafe. Denn man muss wissen, was man will, nicht wahr? Sehen Sie, auch mich macht der Frühling nervös, auch mich setzt die holde Trivialität der Erinnerungen und Empfindungen, die er erweckt, in Verwirrung; nur, dass ich es nicht über mich gewinne, ihn dafür zu schelten und zu verachten; denn die Sache ist die, dass ich mich vor ihm schäme, mich schäme vor seiner reinen Natürlichkeit und seiner siegenden Jugend. Und ich weiß nicht, ob ich Adalbert beneiden oder geringschätzen soll, dafür, dass er nichts davon weiß ...

1 «Man arbeitet schlecht im Frühling, gewiss, und warum? Weil man empfindet (потому что чувствуешь, воспринимаешь). Und weil der ein Stümper (дилетант; Stümper - плохой работник, халтурщик; дилетант) ist, der glaubt, der Schaffende dürfe empfinden (что творящему = творцу можно, позволительно чувствовать). Jeder echte und aufrichtige (искренний, прямой, честный) Künstler lächelt über die Naivität dieses Pfuscher-Irrtums (der Pfuscher - плохой работник, халтурщик; pfuschen - халтурить, вмешиваться в чужие дела; der Irrtum - заблуждение), melancholisch vielleicht, aber er lächelt. Denn das, was man sagt, darf ja niemals die Hauptsache sein, sondern nur das an und für sich gleichgültige Material (сам по себе безразличный материал), aus dem das ästhetische Gebilde (из которого эстетическую картину: «образование, структуру») in spielender und gelassener Überlegenheit (в играющем и спокойном превосходстве = с играющим и спокойным превосходством) zusammenzusetzen ist (нужно сложить, составить). Liegt Ihnen zu viel an dem, was Sie zu sagen haben (если Вас слишком затрагивает, если вам очень важно то, что вы хотите, что вам нужно сказать), schlägt Ihr Herz zu warm dafür, so können Sie eines vollständigen Fiaskos sicher sein (можете быть уверены в полном провале). Sie werden pathetisch, Sie werden sentimental, etwas Schwerfälliges, Täppisch-Ernstes (täppisch - неуклюжий, неловкий), Unbeherrschtes (неуправляемое = нестройное; beherrschen - владеть, управлять), Unironisches, Ungewürztes (пресное: «не приправленное»; würzen - приправлять, сдабривать; das Gewürz - пряность; die Gewürze - приправы), Langweiliges, Banales entsteht unter Ihren Händen, und nichts als Gleichgültigkeit bei den Leuten, nichts als Enttäuschung und Jammer (der Jammer - плач, вопли; беда, горе) bei Ihnen selbst ist das Ende ... Denn so ist es ja, Lisaweta: Das Gefühl, das warme, herzliche Gefühl ist immer banal und unbrauchbar (бесполезно, неприменимо), und künstlerisch sind bloß die Gereiztheiten (а художественны лишь раздражения /чувств, нервов/) und kalten Ekstasen unseres verdorbenen (испорченной), unseres artistischen Nervensystems.

Es ist nötig, dass man irgend etwas Außermenschliches und Unmenschliches sei (нужно обладать какой-то внечеловеческой, нечеловеческой природой), dass man zum Menschlichen in einem seltsam fernen und unbeteiligten Verhältnis stehe (так чтобы стоять по отношению к человеческому в странно удаленном и безучастном состоянии), um imstande und überhaupt versucht zu sein (чтобы быть в состоянии, да и вообще даже просто захотеть: «быть искушаемым»), es zu spielen (его /это человеческое/ сыграть), damit zu spielen, es wirksam und geschmackvoll darzustellen (действенно /чтобы могло воздействовать/ и со вкусом представить = воплотить; wirken - действовать, воздействовать, влиять). Die Begabung für Stil, Form und Ausdruck setzt bereits dies kühle und wählerische Verhältnis zum Menschlichen, ja, eine gewisse menschliche Verarmung und Verödung voraus (voraussetzen -предполагать /что-то в чем-то/, служить предпосылкой; die Verarmung -обеднение; die Verödung - опустошение, опустошенность; öde - пустынный, необитаемый). Denn das gesunde und starke Gefühl, dabei bleibt es (и ничего тут не поделаешь: «при этом и останется»), hat keinen Geschmack. Es ist aus (кончено) mit dem Künstler, sobald er Mensch wird und zu empfinden beginnt.

2 Das wusste Adalbert, und darum begab er sich ins Cafe, in die 'entrückte Sphäre', jawohl!»

1 «Man arbeitet schlecht im Frühling, gewiss, und warum? Weil man empfindet. Und weil der ein Stümper ist, der glaubt, der Schaffende dürfe empfinden. Jeder echte und aufrichtige Künstler lächelt über die Naivität dieses Pfuscher-Irrtums, melancholisch vielleicht, aber er lächelt. Denn das, was man sagt, darf ja niemals die Hauptsache sein, sondern nur das an und für sich gleichgültige Material, aus dem das ästhetische Gebilde in spielender und gelassener Überlegenheit zusammenzusetzen ist. Liegt Ihnen zu viel an dem, was Sie zu sagen haben, schlägt Ihr Herz zu warm dafür, so können Sie eines vollständigen Fiaskos sicher sein. Sie werden pathetisch, Sie werden sentimental, etwas Schwerfälliges, Täppisch-Ernstes, Unbeherrschtes, Unironisches, Ungewürztes, Langweiliges, Banales entsteht unter Ihren Händen, und nichts als Gleichgültigkeit bei den Leuten, nichts als Enttäuschung und Jammer bei Ihnen selbst ist das Ende ... Denn so ist es ja, Lisaweta: Das Gefühl, das warme, herzliche Gefühl ist immer banal und unbrauchbar, und künstlerisch sind bloß die Gereiztheiten und kalten Ekstasen unseres verdorbenen, unseres artistischen Nervensystems. Es ist nötig, dass man irgend etwas Außermenschliches und Unmenschliches sei, dass man zum Menschlichen in einem seltsam fernen und unbeteiligten Verhältnis stehe, um imstande und überhaupt versucht zu sein, es zu spielen, damit zu spielen, es wirksam und geschmackvoll darzustellen. Die Begabung für Stil, Form und Ausdruck setzt bereits dies kühle und wählerische Verhältnis zum Menschlichen, ja, eine gewisse menschliche Verarmung und Verödung voraus. Denn das gesunde und starke Gefühl, dabei bleibt es, hat keinen Geschmack. Es ist aus mit dem Künstler, sobald er Mensch wird und zu empfinden beginnt.

2 Das wusste Adalbert, und darum begab er sich ins Cafe, in die 'entrückte Sphäre', jawohl!»

1 «Nun, Gott mit ihm, Batuschka», sagte Lisaweta und wusch sich die Hände in einer Blechwanne (в жестяной лоханке; das Blech); «Sie brauchen ihm ja nicht zu folgen.»

2 «Nein, Lisaweta, ich folge ihm nicht, und zwar einzig, weil ich hie und da imstande bin, mich vor dem Frühling meines Künstlertums ein wenig zu schämen (стыдится за свое художничество = за то, что я художник, человек искусства). Sehen Sie, zuweilen erhalte ich Briefe von fremder Hand, Lob- und Dankschreiben (das Lob -хвала, похвала; loben - хвалить) aus meinem Publikum, bewunderungsvolle Zuschriften ergriffener Leute (полные восхищения, восторга письма взволнованных, воодушевленных людей; die Zuschrift - письмо /отклик читателя/). Ich lese diese Zuschriften, und Rührung beschleicht mich (и растроганность проникает, пробирается в меня = бываю невольно тронут; beschleichen - прокрадываться, проникать; охватывать /о чувствах/) angesichts des warmen und unbeholfenen menschlichen Gefühls (пред этим теплым и неловким, беспомощным человеческим чувством), das meine Kunst hier bewirkt hat (вызвало /своим воздействием/), eine Art von Mitleid fasst mich an (охватывает) gegenüber der begeisterten Naivität, die aus den Zeilen spricht (die Zeile - строка), und ich erröte bei dem Gedanken, wie sehr dieser redliche (честный, добросовестный, положительный) Mensch ernüchtert sein müsste (был бы отрезвлен), wenn er je (когда-либо) einen Blick hinter die Kulissen täte, wenn seine Unschuld je begriffe, dass ein rechtschaffener (честный, порядочный), gesunder und anständiger (порядочный) Mensch überhaupt nicht schreibt, mimt (не играет: «не является мимом»), komponiert ... was alles ja nicht hindert, dass ich seine Bewunderung für mein Genie benütze, um mich zu steigern (чтобы поощрять себя: «повышаться») und zu stimulieren, dass ich sie gewaltig ernst nehme (что я их очень даже принимаю всерьез; gewaltig - мощный; die Gewalt -мощь; насилие) und ein Gesicht dazu mache wie ein Affe, der den großen Mann spielt ... Ach, reden Sie mir nicht darein (не спорьте со мной, не возражайте мне),

Lisaweta! Ich sage Ihnen, dass ich es oft sterbensmüde bin, das Menschliche darzustellen, ohne am Menschlichen teilzuhaben (не участвуя, не имея своей доли, не будучи причастен) ... Ist der Künstler überhaupt ein Mann? Man frage 'das Weib' danach (об этом надо спросить женщину - слово das Weib взято в кавычки, поскольку здесь обыгрывается психологический термин das Weibliche -женственное начало, широко обсуждавшийся в эпоху Т. Манна)! Mir scheint, wir Künstler teilen alle ein wenig das Schicksal jener präparierten päpstlichen Sänger (разделяем судьбу тех препарированных папских певцов = кастратов) ... Wir singen ganz rührend schön. Jedoch -»

3 «Sie sollten sich ein bisschen schämen, Tonio Kröger. Kommen Sie nun zum Tee. Das Wasser wird gleich kochen, und hier sind Papyros. Beim Sopransingen waren Sie stehen geblieben; und fahren Sie da nur fort (fortfahren - продолжать /что-либо делать/). Aber schämen sollten Sie sich. Wenn ich nicht wüsste, mit welch stolzer Leidenschaft Sie Ihrem Berufe ergeben sind (преданы) ...»

1 «Nun, Gott mit ihm, Batuschka», sagte Lisaweta und wusch sich die Hände in einer Blechwanne; «Sie brauchen ihm ja nicht zu folgen.»

2 «Nein, Lisaweta, ich folge ihm nicht, und zwar einzig, weil ich hie und da imstande bin, mich vor dem Frühling meines Künstlertums ein wenig zu schämen. Sehen Sie, zuweilen erhalte ich Briefe von fremder Hand, Lob- und Dankschreiben aus meinem Publikum, bewunderungsvolle Zuschriften ergriffener Leute. Ich lese diese Zuschriften, und Rührung beschleicht mich angesichts des warmen und unbeholfenen menschlichen Gefühls, das meine Kunst hier bewirkt hat, eine Art von Mitleid fasst mich an gegenüber der begeisterten Naivität, die aus den Zeilen spricht, und ich erröte bei dem Gedanken, wie sehr dieser redliche Mensch ernüchtert sein müsste, wenn er je einen Blick hinter die Kulissen täte, wenn seine Unschuld je begriffe, dass ein rechtschaffener, gesunder und anständiger Mensch überhaupt nicht schreibt, mimt, komponiert ... was alles ja nicht hindert, dass ich seine Bewunderung für mein Genie benütze, um mich zu steigern und zu stimulieren, dass ich sie gewaltig ernst nehme und ein Gesicht dazu mache wie ein Affe, der den großen Mann spielt ... Ach, reden Sie mir nicht darein, Lisaweta! Ich sage Ihnen, dass ich es oft sterbensmüde bin, das Menschliche darzustellen, ohne am Menschlichen teilzuhaben ... Ist der Künstler überhaupt ein Mann? Man frage 'das Weib' danach! Mir scheint, wir Künstler teilen alle ein wenig das Schicksal jener präparierten päpstlichen Sänger ... Wir singen ganz rührend schön. Jedoch -»

3 «Sie sollten sich ein bisschen schämen, Tonio Kröger. Kommen Sie nun zum Tee. Das Wasser wird gleich kochen, und hier sind Papyros. Beim Sopransingen waren Sie stehen geblieben; und fahren Sie da nur fort. Aber schämen sollten Sie sich. Wenn ich nicht wüsste, mit welch stolzer Leidenschaft Sie Ihrem Berufe ergeben sind ... »

1 «Sagen Sie nichts von 'Beruf', Lisaweta Iwanowna! Die Literatur ist überhaupt kein Beruf, sondern ein Fluch (проклятие), - damit's Sie wissen. Wann beginnt er fühlbar zu werden (когда оно начинает чувствоваться: «становиться ощутимым», dieser Fluch? Früh, schrecklich früh. Zu einer Zeit, da man billig noch in Frieden und Eintracht mit Gott und der Welt leben sollte (в пору, когда еще надо бы жить в мире и согласии с Богом и миром; billig - дешевый; разрешено, позволено). Sie fangen an, sich gezeichnet (помеченными, отмеченными), sich in einem rätselhaften Gegensatz (в загадочном противоположении) zu den anderen, den Gewöhnlichen, den Ordentlichen zu fühlen, der Abgrund (бездну) von Ironie, Unglaube, Opposition, Erkenntnis, Gefühl, der Sie von den Menschen trennt, klafft (начинает зиять, разверзаться) tiefer und tiefer, Sie sind einsam, und fortan (впредь) gibt es keine Verständigung mehr (понимание друг друга, согласие). Was für ein Schicksal!

Gesetzt, dass das Herz lebendig genug, liebevoll genug geblieben ist (если, конечно, твое сердце осталось достаточно живым и способным любить; gesetzt = gesetzt den Fall - если, предположим, что ...), es als furchtbar zu empfinden! ... Ihr Selbstbewusstsein entzündet sich (их самосознание, самолюбие воспаляется: «зажигается»), weil Sie unter Tausenden das Zeichen an ihrer Stirne spüren und fühlen, dass es niemandem entgeht (ни от кого не ускользает). Ich kannte einem Schauspieler von Genie (одного гениального актера), der als Mensch mit einer krankhaften Befangenheit und Haltlosigkeit zu kämpfen hatte (которому вне сцены: «в качестве /обыкновенного, как все/ человека» приходилось бороться с болезненной застенчивостью и неустойчивостью в поведении; haltlos - распущенный, морально нестойкий, беспринципный). Sein überreiztes Ich-Gefühl (его сверхучувствительное Я, самоощущение) zusammen mit dem Mangel an Rolle (вместе, наряду с отсутствием роли), an darstellerischer Aufgabe (сценической, творящей: «представляющей» задачи), bewirkten das (вызвали это) bei diesem vollkommenen Künstler und verarmten Menschen (у этого совершенного художника и опустошенного: «обедненного» человека) ... Einen Künstler, einen wirklichen, nicht einen, dessen bürgerlicher Beruf (чья гражданская профессия) die Kunst ist, sondern einen vorbestimmten (предопределенного) und verdammten, ersehen Sie mi geringem Scharfblick aus einer Menschenmasse (вы без труда различите в толпе, для этого не требуется много проницательности; der Scharfblick - зоркость; проницательность; gering - малый, незначительный). Das Gefühl der Separation (чувство отделенности, отчужденности) und Unzugehörigkeit (и неприкаянности: «непринадлежности»), des Erkannt- und Beobachtetseins (того, что тебя узнают и за тобой наблюдают: «узнаваемости и наблюдаемости»), etwas zugleich Königliches und Verlegenes (нечто одновременно царственное и смущенное) ist in seinem Gesicht. In den Zügen eines Fürsten (в чертах = на лице князя), der in Zivil (в партикулярном, гражданском платье) durch die Volksmenge schreitet, kann man etwas Ähnliches beobachten. Aber da hilft kein Zivil, Lisaweta! Verkleiden Sie sich, vermummen Sie sich, ziehen Sie sich an wie ein Attache oder ein Gardeleutnant in Urlaub: Sie werden kaum die Augen aufzuschlagen und ein Wort zu sprechen brauchen, und jedermann wird wissen, dass Sie kein Mensch sind, sondern irgend etwas Fremdes, Befremdendes, Anderes ...

1 «Sagen Sie nichts von 'Beruf', Lisaweta Iwanowna! Die Literatur ist überhaupt kein Beruf, sondern ein Fluch, - damit's Sie wissen. Wann beginnt er fühlbar zu werden, dieser Fluch? Früh, schrecklich früh. Zu einer Zeit, da man billig noch in Frieden und Eintracht mit Gott und der Welt leben sollte. Sie fangen an, sich gezeichnet, sich in einem rätselhaften Gegensatz zu den anderen, den Gewöhnlichen, den Ordentlichen zu fühlen, der Abgrund von Ironie, Unglaube, Opposition, Erkenntnis, Gefühl, der Sie von den Menschen trennt, klafft tiefer und tiefer, Sie sind einsam, und fortan gibt es keine Verständigung mehr. Was für ein Schicksal! Gesetzt, dass das Herz lebendig genug, liebevoll genug geblieben ist, es als furchtbar zu empfinden! ... Ihr Selbstbewusstsein entzündet sich, weil Sie unter Tausenden das Zeichen an ihrer Stirne spüren und fühlen, dass es niemandem entgeht. Ich kannte einem Schauspieler von Genie, der als Mensch mit einer krankhaften Befangenheit und Haltlosigkeit zu kämpfen hatte. Sein überreiztes Ich-Gefühl zusammen mit dem Mangel an Rolle, an darstellerischer Aufgabe, bewirkten das bei diesem vollkommenen Künstler und verarmten Menschen ... Einen Künstler, einen wirklichen, nicht einen, dessen bürgerlicher Beruf die Kunst ist, sondern einen vorbestimmten und verdammten, ersehen Sie mit geringem Scharfblick aus einer Menschenmasse. Das Gefühl der Separation und Unzugehörigkeit, des Erkannt- und Beobachtetseins, etwas zugleich Königliches und Verlegenes ist in seinem Gesicht. In den Zügen eines Fürsten, der in Zivil durch die Volksmenge schreitet, kann man etwas Ähnliches beobachten. Aber da hilft kein Zivil, Lisaweta! Verkleiden Sie sich, vermummen Sie sich, ziehen Sie sich an wie ein Attache oder ein Gardeleutnant in Urlaub: Sie werden kaum die Augen aufzuschlagen und ein Wort zu sprechen brauchen, und jedermann wird wissen, dass Sie kein Mensch sind, sondern irgend etwas Fremdes, Befremdendes, Anderes ...

1 Aber was ist der Künstler? Vor keiner Frage hat die Bequemlichkeit (удобство = стремление к удобству) und Erkenntnisträgheit (лень к познанию; träge - ленивый, вялый) der Menschheit sich zäher erwiesen (показало себя жестче, оказалось жестче = непробиваемей) als vor dieser. 'Dergleichen ist Gabe (подобное есть дар = это особый дар)', sagen demütig (смиренно; die Demut - смирение, покорность /высок./) die braven Leute, die unter der Wirkung eines Künstlers stehen, und weil heitere (веселые, бодрящие) und erhabene Wirkungen (и возвышенные воздействия) nach ihrer gutmütigen Meinung ganz unbedingt auch heitere und erhabene Ursprünge (источники, причины) haben müssen, so argwöhnt niemand (то никто и не подозревает; argwöhnen - подозревать, предчувствовать недоброе /высок./), dass es sich hier vielleicht um eine äußerst schlimm bedingte (обусловленном), äußerst fragwürdige (сомнительном) 'Gabe' handelt ... Man weiß, dass Künstler leicht verletzlich (легко уязвимы, обидчивы; verletzen - повредить, поранить; обидеть, задеть) sind, - nun, man weiß auch, dass dies bei Leuten mit gutem Gewissen (с чистой совестью) und solid gegründetem Selbstgefühl (с хорошо обоснованным чувством собственного достоинства) nicht zuzutreffen pflegt (обычно не попадается, не встречается) ... Sehen Sie, Lisaweta, ich hege auf dem Grunde meiner Seele - ins Geistige übertragen ( перенесенное в духовное , в область духовного) - gegen den Typus des Künstlers den ganzen Verdacht (подозрение; Verdacht hegen - питать подозрение; hegen - охранять, сберегать), den jeder meiner ehrenfesten Vorfahren (каждый из моих почтенных предков) droben (там, на севере: «наверху») in der engen Stadt irgendeinem Gaukler und abenteuernden Artisten entgegengebracht hätte (проявил бы по отношению к какому-нибудь фокуснику или странствующему актеру; entgegenbringen - проявлять какие-либо чувства /по отношению к кому-либо/, относиться; der Gaukler - фокусник, актер, фигляр /устар. высок./; шарлатан), der in sein Haus gekommen wäre.

Hören Sie Folgendes. Ich kenne einen Bankier, einen ergrauten (седовласого, поседевшего) Geschäftsmann, der die Gabe besitzt, Novellen zu schreiben. Er macht von dieser Gabe in seinen Mußestunden Gebrauch (он использует этот дар в часы своего досуга), und seine Arbeiten sind manchmal ganz ausgezeichnet. Trotz - ich sage 'trotz' - dieser sublimen Veranlagung (несмотря на эту возвышенную склонность) ist dieser Mann nicht völlig unbescholten (безупречен; schelten -порицать, бранить); er hat im Gegenteil bereits eine schwere Freiheitsstrafe zu verbüßen gehabt (ему пришлось отбыть наказание в тюрьме), und zwar aus triftigen Gründen (и по веским причинам; triftig - убедительный, основательный, уважительный). Ja, es geschah ganz eigentlich erst in der Strafanstalt (в тюрьме; die Anstalt - учреждение, заведение), dass er seiner Begabung inne wurde (открыл в себе свою одаренность; innewerden - понимать, замечать, осознавать /высок./), und seine Sträflingserfahrungen (опыт заключенного) bilden das Grundmotiv in allen seinen Produktionen. Man könnte daraus, mit einiger Keckheit, folgern (сделать смелый вывод; keck - дерзкий, смелый, лихой), dass es nötig sei, in irgendeiner Art von Strafanstalt zu Hause zu sein, um zum Dichter zu werden. Aber drängt sich nicht der Verdacht auf (но разве тут же не возникает подозрение; aufdrängen -навязывать /против воли/; sich aufdrängen - навязываться, набиваться), dass seine Erlebnisse im Zuchthause (что его переживания, впечатления в /каторжной/ тюрьме; die Zucht - дисциплина, повиновение) weniger innig mit den Wurzeln und Ursprüngen seiner Künstlerschaft verwachsen gewesen sein möchten (пожалуй, менее глубоко: «внутренне» с корнями и истоками его художества, творчества срослись) als das, was ihn hineinbrachte (чем то, что его туда /в тюрьму/ привело) -? Ein Bankier, der Novellen dichtet, das ist eine Rarität (редкость, раритет), nicht wahr? Aber ein nicht krimineller, ein unbescholtener und solider Bankier, welcher Novellen dichtet, - das kommt nicht vor (не бывает, не случается) ... Ja, da lachen Sie nun, und dennoch scherze ich halb und halb (только наполовину, фифти-фифти).

Kein Problem, keines in der Welt, ist quälender als das vom Künstlertum (der Künstlertum - художество, творчество) und seiner menschlichen Wirkung (воздействие). Nehmen Sie das wunderartigste Gebilde des typischsten und darum mächtigsten (и потому наиболее мощного = действенного) Künstlers, nehmen Sie ein so morbides (болезненное: morbid) und tief zweideutiges Werk (двусмысленное произведение; deuten - толковать) wie 'Tristan und Isolde' (опера, «вокальносимфоническая поэма» Рихарда Вагнера (1813-83), на концепцию которой повлияло увлечение философией А.Шопенгауэра. Это произведение (созданное в 1859 году) символизировало рождение позднеромантического стиля, для которого характерный повышенная экспрессия выражения, хроматизированная гармония. Р. Вагнер оказал большое влияние на Томаса Манна, в том числе и композиционно /построение произведений с использованием лейтмотива/) und beobachten Sie die Wirkung, die dieses Werk auf einen jungen, gesunden, stark normal empfindenden Menschen ausübt (какое воздействие оказывает). Sie sehen Gehobenheit (приподнятость, приподнятое состояние духа; heben /hob, gehoben/-поднимать), Gestärkheit (прилив сил: «усиленность»), warme, rechtschaffene Begeisterung (искренний восторг), Angeregtheit vielleicht zu eigenem 'künstlerischen' Schaffen (возможно даже, побуждение: «побужденность» /они становятся побуждены/ к собственному «художественному» творчеству; anregen -побуждать, стимулировать; die Anregung - побуждение) ... Der gute Dilettant! In uns Künstlern sieht es gründlich anders aus, als er mit seinem 'warmen Herzen' und 'ehrlichen Enthusiasmus' sich träumen mag. Ich habe Künstler von Frauen und Jünglingen umschwärmt und umjubelt gesehen (окруженных восторженным поклонением женщин и юношей; umschwärmen - летать роем, стаей /возле чего-либо/; увиваться; der Schwarm - рой; стая; jubeln - ликовать, радоваться, бурно выражать свое одобрение), während ich über sie wusste ... Man macht, was die Herkunft (происхождение), die Miterscheinungen (сопутствующие явления) und Bedingungen (условия) des Künstlertums betrifft, immer wieder die merkwürdigsten Erfahrungen ...»

2 «An anderen (в других /вы делаете эти открытия/), Tonio Kröger - verzeihen Sie -oder nicht nur an anderen?»

3 Er schwieg. Er zog seine schrägen Brauen zusammen (нахмурил свои косые брови) und pfiff vor sich hin.

4 «Ich bitte um Ihre Tasse, Tonio. Er ist nicht stark. Und nehmen Sie eine neue Zigarette. Übrigens wissen Sie sehr wohl, dass Sie die Dinge ansehen, wie sie nicht notwendig angesehen zu werden brauchen (вы смотрите на вещи так, как совсем не обязательно на них смотреть; notwendig - необходимо) ...»

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