Eva lachte.
»Sie leidet mit uns. Fьr jede Ohrfeige gibt es mindestens eine heimliche Tafel Schokolade.«
»Gehst du oft weg abends?«
»Nein, ich war gestern das erste Mal tanzen. Und du?«
»Ich auch nicht. Ich kenne immer noch kaum Leute hier.«
Eva verzog das Gesicht. »Ich bin hier geboren und kenne trotzdem kaum jemanden.« Dann stand sie auf und klopfte sich den Staub aus dem Rock. »Sehe ich wieder ordentlich aus?«
»Ja«, antwortete Franziska. »Deine Haare sind viel schцner, wenn sie offen sind. Du hast wirklich tolle Haare.«
Eva schaute schnell zur Seite. »Komm, gehen wir wieder rauf.«
Eva lernte gerade: affligere, affligo, afflixi, afflictum, als Berthold ihre Tьr цffnete. »Der Papa ist am Telefon«, sagte er. »Fьr dich.«
Eva ging ins Wohnzimmer und nahm den Hцrer.
»Eva?«, fragte der Vater.
»Ja.«
»Ich bin zu der Telefonzelle an der Ecke gegangen, weil ich mit dir sprechen wollte.«
»Ja«, sagte Eva.
»Ich hatte gestern wirklich Angst, dass dir etwas passiert ist.«
Eva schwieg. Aus der Kьche drang das Klappern von Geschirr.
»Eva«, sagte der Vater. »Die Ohrfeige gestern, die hдtte ich dir nicht geben sollen.«
Eva presste den Hцrer fest an ihr Ohr. »Ich hдtte ja auch anrufen kцnnen«, sagte sie.
»Ja, hдttest du.«
»Aber das ging nicht. Ich war in einer Diskothek tanzen. Das erste Mal.«
»War es schцn?«
»Ja. Sehr.«
»Ich muss zurьck ins Bьro«, sagte der Vater. »Also, das nдchste Mal rufst du an, ja? Bis spдter.«
»Bis spдter, Papa.«
Eva ging in die Kьche. »Mama, soll ich fьr dich einkaufen gehen?«
Sie musste ьber das erstaunte Gesicht der Mutter lachen. Und sie lachte auch noch, als sie den schweren Einkaufskorb nach Hause trug. Sie fьhlte sich so leicht, so schwebend, sie wurde nur durch das Gewicht der Kartoffeln, der Дpfel und des Mehls auf der Erde gehalten. »So schlimm ist er nicht, mein Vater. Das soll ihm erst mal einer nachmachen, extra zur Telefonzelle gehen und anrufen!«
Sie beschloss, abends von dem Sommerfest im Freizeitheim zu erzдhlen. Sie wollte unbedingt hingehen.
Vielleicht wьrde er es erlauben, heute, wo er so sanft war.
Eva hatte zum Abendessen fast nichts gegessen vor Aufregung. Der Vater war zwar sehr freundlich gewesen, als er von der Arbeit gekommen war, hatte seinen Rundgang, den Kontrollgang, schnell und ohne v Meckern hinter sich gebracht, aber man konnte nie wissen!
»Bis zehn geht es am Samstag im Freizeitheim«, sagte Eva. »Und dann muss ich noch heimfahren. Vor elf kann ich nicht zurьck sein.«
»Kommt nicht in Frage, dass du so spдt allein durch die Gegend fдhrst.«
»Aber Fritz, bald sechzehn ist sie schon.«
»Ich bin kein kleines Kind mehr«, sagte Eva.
»Das weiЯ ich. Das habe ich in der letzten Zeit schon цfter hцren mьssen. Aber ich lasse meine Tochter nicht abends allein durch die Stadt fahren. Ich hole dich ab.«
»Um Gottes willen, Papa! Wie sieht denn das aus? Was sagen denn da die anderen, wenn du mich abholst wie ein kleines Mдdchen vom Kindergeburtstag!«
»Kein Wort mehr. Entweder ich hole dich ab oder du bleibst zu Hause. Was anderes kommt nicht in Frage. Lest ihr denn ьberhaupt keine Zeitung? Jeden Tag Mord und Totschlag. Und Vergewaltigungen.«
Eva heulte fast vor Wut.
»Fritz«, sagte die Mutter. »Man muss seinen Kindern auch Freiheit geben. Das steht in jeder Zeitung drin. In allen Illustrierten kannst du das lesen. Und die Leute, die das schreiben, verstehen was davon.«
»Du glaubst auch alles«, sagte der Vater bцse. »Wie ich meine Kinder erziehe, lasse ich mir von niemand vorschreiben. Ich weiЯ selbst am besten, was gut ist fьr sie.«
»Aber Eva ist ein vernьnftiges, anstдndiges Mдdchen. Sie hat noch nie eine Dummheit gemacht.«
»Und das soll auch so bleiben.« Der Vater ging in das Wohnzimmer und gleich darauf hцrte man die Stimme des Nachrichtensprechers.
»Gute Nacht«, sagte Berthold, der die ganze Zeit schweigend dabeigesessen hatte.
Die Mutter wandte sich dem Abwasch zu. »Dass es immer Krach geben muss.«
Eva verlieЯ die Kьche und knallte die Tьr hinter sich zu.
Sie saЯ in ihrem Zimmer und malte wьtend groЯe, schwarze Striche auf ein Blatt Papier. Die Mutter kam mit einem Tablett herein. »Ich habe dir was zu essen gemacht. Du kannst doch nicht ohne Essen schlafen gehen.«
Auf dem Tablett stand neben Brot und Butter eine geцffnete Blechdose mit Lachs, zartrosa, цlglдnzend.
»Echter«, sagte die Mutter. »Ich hatte ihn eigentlich fьr Papas Geburtstag gekauft. Aber jetzt bekommst du
ihn.« Die Mutter griff in ihre Schьrzentasche. »Hier ist auch noch eine Tafel Schokolade.«
Sie stellte das Tablett auf Evas Nachttisch. »Lass dich halt von ihm abholen«, sagte sie. »So schlimm ist das doch nicht.«
Eva schьttelte den Kopf. »Nein.«
»Ach Gott«, sagte die Mutter, »den Dickkopf hast du von ihm.« Sie legte die Hand auf die Klinke. »Ich muss jetzt rьber, sonst wird er bцse.«
Eva legte eine Kassette ein, Simon und Garfunkel, Bridge over troubled water, rollte ihre Zudecke als Rьckenstьtze zusammen und stellte das Tablett neben sich auf das Bett. Dann fing sie an, sich ein Brot zu schmieren.